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Goldenes Netz - Kunst, Kultur, Heimat

Die Arbeit von Osteland-Mitgliedern für Kunst, Kultur und Regionalgeschichte soll in eine entsprechende Fachgruppe einfließen. In der Rubrik Goldenes Netz Oste sind seit 2014 Berichte über einschlägige Aktivitäten zu finden. Die AG Osteland ist Herausgeberin mehrerer Bücher und Veranstalterin von Kunst- und Geschichtsausstellungen, u. a. über die Maler von der Oste, zum Ende der Franzosenzeit 1813 und zur Sturmflut 1962. Ergänzt wird diese Seite durch die FB-Gruppe ostekultur und die FB-Seite goldenesnetz.

140 Jahre Zeitung an der Unteren Oste 

15. 11. 2020. Lesetipp: Die NEZ erinnert auf ihrer Heimatseite daran, dass im Oktober vor 140 Jahren in Neuhaus die „Neuhaus-Ostener Nachrichten“ gegründet wurden - mit dem Versprechen: „Wir wollen dem schon seit Jahren gehegten und in letzter Zeit besonders laut gewordenen Wunsch der Bevölkerung der Ämter Neuhaus an der Oste und Osten entsprechen, im Kreise selbst eine Zeitung zu besitzen, welche nach der Richtung hin frei ist und unabhängig die Interessen derselben vertritt.“ Nachkommen des Zeitungsgründers Borgardt führen heute die Geschäfte der Bremervörder Zeitung.

Oste-Chronistin feiert „Perle des Sietlands“

12. 11. 2020. „Ihlienworth - Perle des Sietlandes“ heißt ein neues Buch der Regionalhistorikerin Gisela Tiedemann-Wingst (Fotos: Bölsche), das an diesem Freitag, 13. November, 13 bis 18 Uhr, und am Sonnabend, 14. November, 10 bis 16 Uhr, auf dem Landfrauenmarkt in Ihlienworth vorgestellt (und auf Wunsch signiert) wird.

 

Das rund 300 Seiten starke Buch birgt, so die NEZ, „unzählige Überraschungen und Kuriositäten“. Es im Verlag Atelier im Bauernhaus in Fischerhude erschienen.

 

Gisela Tiedemann-Wingst ist unter anderem Autorin der „Geschichte der Fähren an der Oste“ sowie Mitautorin der Ostener Schwebefähren-Chronik „Über die Oste“ und des Sammelbandes „Die Oste - Lebensader zwischen Elbe und Weser“.

 

Die Heimatforscherin wurde 2008 von der AG Osteland mit dem Goldenen Hecht in der Kategorie Wissenschaft ausgezeichnet - Laudatio hier.

Stiller Widerstand gegen Naziterror

12. 11. 2020. Mit dem folgenden Beitrag ergänzt Dr. Rolf Geffken die jüngste NDR-Berichterstattung über Arthur Samuel ( in der ARD-Mediathek verfügbarFoto: mit Ehefrau), den jüdischen Überlebenden aus Cadenberge - siehe auch unten: "Unser Nachbar Samuel".
 
Während nach 1933 ganz Deutschland und nach Beginn des 2. Weltkrieges fast ganz Europa von einem perfekten System der Verfolgung und des Terrors überzogen wurden, dem nicht nur Juden zum Opfer fielen, ist über den „täglichen“ Widerstand der „kleinen Leute“ nur wenig bekannt. Die „Männer des 20. Juli 1944“ stehen als Helden des Widerstands seit vielen Jahren in den Geschichtsbüchern. Die „kleinen Leute“ aber, zumal dann, wenn sie in ländlichen Regionen auf dem Dorf lebten, waren bislang kaum Objekt der Forschung über die Geschichte des Nationalsozialismus. 
 
Der Grund dafür liegt auch in der Tatsache begründet, dass diese Menschen meist bis an ihr Lebensende von ihren Heldentaten nicht berichtet haben, weil sie ihnen – paradox genug – als „selbstverständlich“ erschienen. 
 
Tatsächlich ist das Dorf Cadenberge – wie das folgende Interview mit einem Zeitzeugen aus dem Jahre 2008 belegt – ein bemerkenswertes Beispiel für einen stillen, aber sehr effektiven Widerstand gegen die Diktatur der Nazis zwischen 1933 und 1945. 
 
So konnte in Cadenberge trotz einer europaweiten Erfassung und Verfolgung jüdischer Menschen der Jude Arthur Samuel die Nazizeit kaum behelligt überleben. Die dörfliche Gemeinschaft war stärker als der Arm von NSDAP und Gestapo. 
 
Auch die Solidarität mit der Witwe des im KZ ermordeten Nazigegners Alexander und die mutigen Aktionen der Autoschlosser Heinrich Poock und Karl Meyer geben Aufschluss über die tief in der dörflichen Gemeinschaft Cadenberges verankerte Abneigung gegen die Nazidiktatur und deren „stillen“ Widerstand. 
 
Der Autor führte dazu drei Gespräche mit dem Zeitzeugen Gerhard Hinsch aus Cadenberge. Aktuellere Berichte zu Arthur Samuel greifen nur auf Zeugen vom Hörensagen oder eine eidesstattliche Versiche- rung von Arthur Samuel nach Kriegsende zurück, da Zeitzeugen zwischenzeitlich verstorben sind. 
 
Umso wichtiger erscheint jetzt 82 Jahre nach der Reichsprogromnacht das Interview mit Gerhard Hinsch aus dem Jahre 2008.
 
Übersicht:
 
I. Das Überleben des Juden Arthur Samuel
 
ll. Die Rückgabe des Besitzes Alexander in Fünfhausendorf
 
lll. Sonstige Nazigegner in Cadenberge
 
I. Das Überleben des Juden Arthur Samuel
 
G: HerrHinsch, es ist bekannt,dass ein Bürger namens Arthur Samuel, der zuvor Viehhändler in Cadenberge gewesen war, die Nazizeit in Cadenberge überlebt hat, obwohl er Jude war. Dies geschah, obwohl spätestens seit der Wannsee-Konferenz von 1942 ganz Europa eine systematische Erfassung, Deportation und schließliche Vernichtung von Juden erlebte. Herr Hinsch, sie waren bei Kriegsende 13 Jahre alt. Haben Sie Arthur Samuel gekannt?
 
H: Ich habe ihn natürlich hin und wieder gesehen. Als Kind hatte ich aber wenig direkten Kontakt zu ihm. Meine Mutter starb 1944. Mein Vater hatte an der Invasion Norwegens als Soldat teilgenommen und blieb bis zum Kriegsende in Norwegen, wo er auch dann zunächst als Kriegsgefangener bis etwa 1946 interniert war und erst dann wieder nach Deutschland kam. 
 
Von den Nachbarn und Erwachsenen pflegte ich oft den Satz zu hören: „Das ist der Jude Arthur Samuel“. Ich weiß, dass die Nachbarn, bei denen ich mich oft aufhielt, auch Arthur Samuel heimlich versorgten.
 
G: Die Judenverfolgung wurde während der Nazizeit systematisch gesteigert. Es begann 1933 mit dem Boykott jüdischer Geschäfte, setzte sich dann später im sog. Blutschandegesetz und der sonstigen antisemitischen Gesetzgebung der Nazis Anfang der 30er Jahre fort und mündete schließlich in die Progrome 1938. 1942 kam es zur sog. „Endlösung“, verbunden mit gewaltigen Massendeportationen und schließlich vor Kriegsende zur systematischen Erfassung noch „verbliebener“ Juden. Arthur Samuel hat alle diese Verschärfungen der Judenverfolgung in Cadenberge überlebt. Die Frage stellt sich, warum und auf welche Weise?
 
H: Soweit ich weiß war es so, dass er nach 1933, weil er als Viehhändler keine Aufträge mehr bekam, sein Haus in der Bahnhofstraße verkaufen mußte und dann gezwungen war, eine Arbeitsstelle bei der Straßenbaufirma Wehmeyer in Cadenberge (später: Autohaus Geissler) anzutreten. Als Straßenbauarbeiter war er dann fast die ganze Nazizeit über bei dieser Firma tätig. Weshalb er niemals deportiert wurde, ist nicht ganz klar. Im Dorf wurde berichtet, dies sei deshalb erfolgt, weil er als Teilnehmer am Ersten Weltkrieg mit dem „Pour le Merite“ ausgezeichnet worden war. Aber das waren Gerüchte, denn anderen Juden half auch so etwas ja nicht.
 
G: In dem nur wenige Kilometer von Cadenberge entfernten Ort Osten hatte es der Familie Philippsohn wenig genutzt, dass ihre beiden Söhne als Teilnehmer am ersten Weltkrieg für das „deutsche Vaterland“ gestorben waren. Sie waren im Rahmen der Massendeportationen abgeholt worden und mussten ihr Leben in einem Vernichtungslager lassen. Wie kam es aber zum Überleben des Arthur Samuel in Cadenberge?
 
H: Auf jeden Fall war allseits bekannt, dass es den Juden Arthur Samuel gab. Sein Über- leben war also deshalb keineswegs „Zufall“. Im Gegenteil: Arthur Samuel hatte – wie alle anderen Juden auch – Berufsverbot als Händler und Kaufmann. Er konnte und durfte sich also nicht mehr selbständig machen. Hinzu kommt, dass er nach Einführung der Lebensmittelkarten auch keine Lebensmittelkarten mehr bekam. Das Radio hatte man ihm weggenommen. Dieses weiß ich deshalb genau, weil das Radio von Arthur Samuel später bei uns in der Schule in Cadenberge aufgestellt worden war. 
 
Im Dorf gab es viele Familien, die Arthur Samuel heimlich Lebensmittel zur Verfügung stellten. Darunter vor allem Frau Reyelts, die beim Gasthof Postelt in der Langen Straße arbeitete, und bei der Arthur Samuel „von hinten“ oft kam, um sich Essen abzuholen. Aber auch die Schlachterei Hess unterstützte ihn. Ebenso wie der Viehhändler Poock.
 
G: Sie haben als Schüler doch sicherlich auch mitbekommen, dass die Nazis die Juden als „unser Unglück“ und die Ausrottung der jüdischen Rasse als „Notwendigkeit“ bezeichnet hatten. Wie kam es dann aber dazu, dass Sie die Toleranz gegenüber dem Juden Arthur Samuel nicht weiter verwunderte?
 
H: Daran, dass die Juden „unser Unglück“ sein sollten, habe ich nie geglaubt. In der Schule wurde uns dies natürlich erzählt. Unser Lehrer Albrecht fragte uns auch hin und wieder, was denn so „zu Hause“ diskutiert werde. 
 
Darüber habe ich aber nie be- richtet. Zum einen, weil ich dieses nicht durfte, zum anderen aber auch, weil ich von elterlicher Seite aus eine andere Einstellung mitbekommen hatte. Mein Großvater gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Sozialdemokratie in Cadenberge. Mein Vater Hermann Hinsch war auch Sozialdemokrat und hat nach Kriegsende gemeinsam mit Christian Albers wieder die SPD Cadenberge gegründet. 
 
Wenn er auf Heimaturlaub von Norwegen nach Hause kam, äußerte er sich zum Thema „die Juden“ eindeutig. Einmal sagte er Folgendes über die Nazis auf Plattdeutsch: „Du wirst sehen, das nimmt kein gutes Ende. Das reißt wie eine schiefe Naht.“ 
 
Natürlich hatte ich wiederholt mitbekommen, wie Arthur Samuel bei Postelt oder auch von anderen unterstützt worden war. Nicht nur die Nachbarn, sondern vor allem mein Vater hatte mir daraufhin in aller Deutlichkeit erklärt, dass ich darüber nicht sprechen dürfe. Dieses habe ich dann auch nicht getan.
 
G: Nach allem, was wir wissen, kam es dann kurz vor Kriegsende doch dazu, dass der „übrig gebliebene“ Jude Arthur Samuel in Cadenberge abgeholt werden sollte, vermutlich zur Deportation und Verbringung in ein Vernichtungslager in letzter Sekunde. Was wissen Sie darüber?
 
H: Es war dies etwa 14 Tage vor Kriegsende, also in der zweiten Aprilhälfte des Jahres 1945. Samuel hatte bis zum Schluss bei der Straßenbaufirma Wehmeyer gearbeitet. Friedrich Wehmeyer war vor 1933 aktives Mitglied der SPD gewesen. Die Unterstützung von Arthur Samuel muss aber viel weiter gegangen sein und viel tiefer gereicht haben. 
 
Sie hat nach meiner Einschätzung die gesamte dörfliche Gemeinschaft erfasst. Dies muss auch der Grund dafür gewesen sein, dass er dann gewarnt worden war, als er kurz vor Kriegsende festgenommen werden sollte. Die Warnung muss sogar über offizielle Stellen gelaufen sein, denn einfache Bürger hätten dieses ja auf keinen Fall wissen können. 
 
Ich weiß noch, dass mir auffiel, dass nach dem Kriege bei einem Schützenfest in Cadenberge Arthur Samuel mit dem ehemaligen Bürgermeister Klein einträchtig zusammensaß. Klein war aktives Mitglied der NSDAP gewesen und hatte stets darauf bestanden, dass man ihn mit „Heil Hitler“ und nicht etwa mit „Guten Tag“ begrüßt. 
 
Die Vermutung, dass Arthur Samuel sogar über offizielle Stellen vor der Festnahme gewarnt wurde, ist daher berechtigt.
 
G: Wo hielt sich dann Arthur Samuel, nachdem bekannt wurde, dass er festgenommen werden sollte, auf?
 
H:Nach dem, was ich hörte,hat er sich im Wingster Wald versteckt.Dabei wurde er u.a. auch von dem Sägereibesitzer Vagts in Wingst/Dobrock unterstützt. Vor allem aber wurde er unterstützt von dem Viehhändler Poock und dem Autoschlosser Poock, beide Brüder. Beide galten als Gegner der Nazis. 
 
Arthur Samuel wurde dann von der britischen Militärregierung im Juni 1945 als Mitglied des Rates der Gemeinde eingesetzt.
 
G: Die Annahme, dass Arthur Samuel deshalb die NS-Verfolgung überlebt habe, weil er mit einer „Arierin“ verheiratet gewesen sei und deshalb unter eine Sonderregelung gefallen sei, dürfte demnach kaum als Erklärung für das Überleben Arthur Samuels ausreichen, oder? Immerhin hätte eine Trennung von seiner Frau ihn vollkommen schutzlos gemacht, und viele Mischehen wurden ja auf Grund von politischem oder familiärem Druck tatsächlich geschieden.
 
H: Ich gehe davon aus,dass Arthur Samuel nur deshalb die Nazizeit überlebt hat, weil er wirksam von der gesamten dörflichen Gemeinschaft geschützt wurde. Der Grund war eigentlich ganz einfach: Arthur Samuel war von Anfang an Mitglied dieser dörflichen Gemeinschaft. Er galt als „anständiger Mensch“. Nachbarn, Freunde und andere Bürger änderten diese Einstellung ihm gegenüber nicht mit der Machtergreifung der Na- zis. Juristische Regelungen waren dafür sicher kaum verantwortlich. 
 
Über die Einstellung seiner Frau weiß ich nichts. Sicher wird man aber auf sie Druck ausgeübt haben.
 
II. 
Die Rückgabe des Besitzes Alexander in Fünfhausendorf
 
G: Der Fischdampferkapitän Karl Alexander, der schon vor 1933 aktives Mitglied der SPD war, wurde 1939 wegen des Vorwurfes der Vorbereitung zum Hochverrat verhaftet. Er hatte während verschiedener Fangreisen gegenüber Besatzungsmitgliedern Kritik am NS-Staat und dem „Führer“ geübt. 
 
Vom Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg wurde er wegen eines Vergehens gegen das „Heimtückegesetz“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe im Leher Gefängnis wurde er von der Gestapo in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, wo er schließlich ermordet wurde. 
 
Da die Witwe die aufgelaufenen Prozesskosten nicht bezahlen konnte, kam es zur Zwangsversteigerung des Besitzes der Familie Alexander in Cadenberge / Ostermoor Nr. 184 im Oktober 1940. Der Ersteigerer gab nach Aussage der Witwe Alexander gegenüber Herrn Erich Müller später den Besitz an sie zurück. Die genauen Umstände sind nach wie vor nicht geklärt. 
 
Insgesamt liegt aber die Vermutung nahe, dass es zur Rückgabe des Besitzes an die Familie Alexander eben a u c h im Hinblick auf die Solidarität der dörflichen Gemeinschaft kam. Teilen Sie diese Vermutung ?
 
H: Unbedingt. Kapitän Alexander war eine im Dorf hoch angesehene Persönlichkeit. Allen war bekannt, daß er von den Nazis nur wegen seiner politischen Überzeugungen verfolgt wurde.
 
III. 
 
Sonstige Nazi-Gegner in Cadenberge
 
G: Der Autoschlosser Heinrich Poock, der den Juden Arthur Samuel während der Nazizeit unterstützt und geschützt hatte, war als Nazigegner im Ort bekannt. Erst kurz vor Kriegsende wollte man seiner habhaft werden. Was können Sie uns darüber berichten?
 
H: Heinrich Poock hatte in seiner Werkstatt in der Langen Straße in Cadenberge eine kleine Windmühle errichtet, die ihn mit Strom versorgen konnte, auch als der Strom gegen Kriegsende völlig ausgefallen war. Auf diese Weise konnte er auch noch kurz vor Kriegsende Rundfunknachrichten hören. So erfuhr er, dass die britischen Truppen sich bereits in Bremervörde aufhielten. 
 
Er erklärte den Nachbarn: „Der Krieg ist bald aus. Die Engländer sind schon in Bremervörde. Das dauert nur noch wenige Tage.“ Aufgrund einer Denunziation wollte man ihn deshalb verhaften. Als Polizei und Gestapo vor der Werkstatt erschienen, war er bereits gewarnt worden. Er hielt sich auf dem Dachboden der Werkstatt auf, und zwar mit einer geladenen Schrotflinte. 
 
Als die Gestapo sich der Dachluke näherte, rief er vom Dachboden heraus herunter: „Der erste, der die Luke aufmacht, der kriegt eine Schrotladung in den Kopf.“ Daraufhin gaben die Gestapoleute auf. Tatsächlich war der Krieg dann wenige Tage später zu Ende und Heinrich Poock hatte auf diese Weise überlebt.
 
G: Was können Sie über den Autoschlosser Karl Meyer, genannt „Auto-Meyer“, berich- ten?
 
H: Noch während des Krieges erzählte Karl Meyer Nachbarn und Freunden, wie ich aus eigener Erinnerung weiß, folgenden Witz: „Die Engländer haben Strohballen in Stinstedt abgeworfen.“ Auf die Frage warum denn und was das solle, hatte er wie folgt geantwortet: „Das ist Stroh für die Ochsen, die immer noch daran glauben, dass wir den Krieg gewinnen.“ Auch er wurde daraufhin sofort von der Gestapo verhaftet und kam ins Konzentrationslager, von wo er aus dann allerdings nach zwei Jahren entlassen wurde. 
 
Interessant ist noch eine andere Begebenheit, an die ich mich aus meiner Schulzeit erinnern kann. Es ging um die Reparatur der Sirene auf dem Dach des Schulhauses. Die Reparatur nahm „Auto-Meyer“ vor. Unten stand der Bürgermeister Klein, ein Nazi. Er hatte die Aufgabe, zum Testen der Sirene den Presslufthahn aufzudrehen, weil die Sirene mit Pressluft betrieben wurde. Dabei stellte sich Klein so ungeschickt an, dass die Sirene mit ohrenbetäubendem Lärm losging, woraufhin „Auto- Meyer“ vom Dach des Schulhauses herunterschrie: „Du Arschloch! Du willst wohl, dass ich hier runterfalle!“ Klein war danach nur „klein-laut“ und sagte gar nichts. Der Vorfall hatte keinerlei Konsequenzen. 
 
Ich erinnere mich noch daran, weil „Auto-Meyer“ durch sein Auftreten einen besonders selbstbewussten und überzeugenden Eindruck machte und dies, obwohl er – es war schon 1944 – kurz zuvor aus dem KZ (!) entlassen worden war.
 
G.: Herr Hinsch, wir danken für dieses aufschlussreiche Gespräch.

Grabgesteck für einen stillen Helden

9. 11. 2020. Am geschichtsträchtigen 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht 1938, wurde an der Oste eines „stillen Helden“ gedacht: Die Hechthäuser Arbeitsgruppe „Gegen das Vergessen“ hat am Grab von Pastor Kurt Müller ein Gesteck niedergelegt, um an das Wirken des evangelischen Geistlichen für rassisch Verfolgte wöhrend der Nazizeit zu erinnern.

 

Die Grabstelle weist einen besonderen Stein auf: Ein christliches Kreuz mündet in einen jüdischen Davidstern. Begraben liegt Pfarrer Kurt Müller (1902-1958), ein lange Zeit fast Vergessener, an den aber immerhin eine Website erinnert, die ebenso wie eine Gedenkstätte in Berlin „stillen Helden” wie ihm gewidmet ist.

 

Kurt Müller schuf während der Kriegsjahre unter der NS-Herrschaft ein System, das zahlreiche verfolgte jüdische Mitbürger von Versteck zu Versteck schleuste und schließlich zur Flucht in die Freiheit verhalf - Zivilcourage, die NS-Richter damals mit der Todesstrafe ahndeten. Einer der Zufluchtsorte war auch das Gut Ovelgönne in Hechthausen.

 

Zu einer Gedenkveranstaltung auf dem Gut eingeladen hatten im vorigen Jahr Julia Pubanz und das Organisationsteam des Heimatvereins Hechthausen (Hans Gerhard Alstedt, Uwe Dubbert, Wolfdietrich Elss, Bodo Neumann, Thomas Schult, Dirk Vollmers).

 

Leseempfehlungen:

 

Ausführlicher Bericht auf der Website des Kirchenkreises Cuxhaven-Hadeln +++ 

 

Website des Heimatvereins mit Presseschau und Hinweis auf Broschüre zum Thema +++ 

 

Zeven: Die Reichspogromnacht 1938 in der Oste +++ 

Osten: Gongkonzert in der Flußkirche

3. 9. 2020. Die St.-Petri-Kirche zu Osten lädt am Freitag, 2. Oktober, 16 Uhr, zu einem Gongkonzert (Eintritt frei, Spende willkommen).

 

Gongs gehören zu den ältesten und mächtigsten Instrumenten auf diesem Planeten. Sie haben einen ausgeprägten Reichtum an Obertönen, einen äußerst langen Nachhall und verfügen über das gesamte Frequenzspektrum.

 

Der langjährige Gongspieler Peter Heeren aus Schleswig-Holstein schafft in seinem Konzert mit bis zu zwanzig großen symphonischen Planeten- und Orchester-Gongs eine einzigartige Klangarchitektur.

 

Aufgrund der begrenzten Platzzahl und der hygienischen Bedingungen für Veranstaltungen bittet die Kirche um eine Voranmeldung (Name, Adresse, Teilnehmerzahl) im Kirchenbüro unter Telefon 04771 2352 (donnerstags zwischen 13 und 15 Uhr) oder oder per e-mail unter KG.Petri.Osten@evlka.de (Foto: Bölsche)

Unser Nachbar Samuel 

Ein Cadenberger Jude überlebt die Nazizeit

27. 7. 2020. Die in Geversdorf geborenen und in Cadenberge aufgewachsenen Brüder Dietmar und Rudi (Rüdiger) Zimmeck, Jahrgang 1949 und 1953, stießen kürzlich „zufällig auf den Namen eines Nachbarn in unserer Heimatgemeinde Cadenberge in den sechziger Jahren: Arthur Samuel“.

Aus Gesprächen, Internet-Recherchen und durch den Kontakt zum örtlichen Heimatpfleger konnten sie einige Informationen zusammenstellen. Den folgenden daraus entstandenen Text stellte der heute in Hannover lebende Rudi Zimmeck (langjähriger Pressesprecher der Landtagsfraktion der niedersächsischen Grünen) uns zur Veröffentlichung zur Verfügung:

1.
Im Austausch von Erinnerungen an unsere Kindheit und Jugend in den sechziger Jahren im Cadenberger Heidweg fiel unlängst eine Bemerkung über einen Nachbarn aus einer Querstraße nahe zu unserem Elternhaus. 

Der Anlass war die eher zufällige Beobachtung, dass der damals schon ältere Herr regelmäßig gegen Abend seinen Hund, einen Foxterrier, ausführte und dabei auch an unseren Straßenspielen (Fußball, Federball, Verstecken u.a.) vorbeikam. Wohlerzogen grüßten wir und der Herr grüßte freundlich zurück.

Im Zusammenhang mit dieser Erinnerung fiel uns eine Bemerkung unserer Mutter ein,  die parallel zu ihren Verrichtungen in der Küche gern das Geschehen auf der Straße beobachtete. Durch die Gardine schauend sagte sie eines Tages über den älteren Herrn, dass dieser – anders als bisher von ihr angenommen – nicht den Namen Samel trug, sondern dass der Nachbar Samuel hieß und er offenbar Jude war. 

2.
Vermutlich hätte uns diese Begebenheit nicht weiter beschäftigt, wenn wir nicht zur selben Zeit in einer aktuellen Veröffentlichung zur Geschichte unseres Heimatorts ebenfalls auf den Namen Samuel gestoßen wären. 

Das Heft enthielt Fotos, Namen und Ortsbezeichnungen früherer Gaststätten in der Umgebung. (Günter Lunden, „Gaststätten in Geversdorf und Cadenberge“, Wilhelm-Heidsiek-Verlag). Darin stand auch ein Hinweis auf das Gebäude der späteren Apotheke in der Cadenberger Bahnhofstraße, das im Besitz des besagten Herrn Samuel gewesen sei und im Jahre 1938 verkauft wurde.

3.
Ein erster kurzer Blick ins Internet erbrachte die Informationen, dass

-  Herr Samuel den Vornamen Arthur trug,

- er im örtlichen Telefonverzeichnis als Viehhändler notiert war,

- er offenbar im Jahr 1937 bei den zuständigen Behörden in Cuxhaven die Ausstellung eines Reisepasses beantragt hatte.

4.
Diese Angaben führten bei uns zu der Vermutung, dass Herr Samuel als Jude in der Nazizeit eventuell zu einem Zwangsverkauf des Hauses in der Bahnhofstraße veranlasst wurde und dass er versucht haben könnte, weiteren Zwangsmaßnahmen seitens der Nazibehörden durch die Auswanderung zu entgehen.

Unser Interesse, mehr darüber zu erfahren, wie es unserem ehemaligen Nachbarn in in der Nazizeit ergangen sein könnte, war geweckt.

5.
Durch Nachfrage erfuhren wir vom Cadenberger Heimatpfleger Günter Lunden zunächst nur, dass Arthur Samuel 1971 auf dem Cadenberger Friedhof bestattet wurde. 30 Jahre später lief für die Grabstelle die Belegzeit aus und da es offenbar keine Nachkommen und andere Verwandte gab, schlug der damalige Heimatpfleger (Erich Müller) dem Rat der Gemeinde Cadenberge vor, das Grab zu erhalten. In dem Schreiben vom Juni 2001 hieß es: 

„Arthur Samuel verdankte sein Überleben als Jude in der NS-Zeit in Cadenberge der Tatsache, dass er mit einer Arierin in einer sogenannten Mischehe verheiratet war…….In Anbetracht dieser Sachlage wäre es meiner Meinung nach angebracht, zumindest den Erhalt des Grabsteines, als Erinnerung an dieses bemerkenswerte Schicksal und darüber hinaus in Form einer Umbettung auf den Wingster Friedhof anzustreben.“

Durch Nachfragen und die weitere Internetsuche konnten wir dann in Erfahrung bringen, dass der in dem Schreiben angesprochene Ort in der Wingst zuletzt im Jahr 1926  als Friedhof in Funktion war (Veröffentlichung Heimatfreunde Cadenberge „Die Grabmale des Wingster Judenfriedhofes“, 1991).

Wiederum von Herrn Lunden erfuhren wir, dass die seinerzeit angeregte Umbettung nicht erfolgte, sondern dass der Grabstein von Herrn Samuel (und seiner schon in den fünfziger Jahren verstorbenen Ehefrau Eugenie) bis heute noch auf dem Cadenberger Friedhof erhalten ist.  

6.
Außerdem stellte uns Herr Lunden in Kopie eine eidesstattliche Versicherung Arthur Samuels aus dem Jahr 1947 zur Verfügung.

Daraus geht hervor, dass Herr Samuel 

- mit seiner Ehefrau seit 1917 in Cadenberge wohnhaft war

- die gesamte Nazizeit in Cadenberge anwesend war („bin nicht weggeschafft worden…“); als Begründung vermutet er die „Mischehe“ mit seiner „arischen“ Frau

- während des gesamten Krieges im Straßenbau gearbeitet hat,

 

- den Judenstern tragen musste („Gleichwohl ist es sehr wahrscheinlich, dass niemand den Judenstern bei mir gesehen hat, da ich an den Arbeitstagen über meinen Anzug, an den der Judenstern angebracht war, einen Arbeitskittel ohne diesen Stern trug und Sonntags nicht ausgegangen bin.“
 

Herr Samuel erklärt des Weiteren, dass ihm von einer jüdischen Familie Philippsohn aus der Gemeinde Osten bekannt sei, dass sie einen Ausreiseantrag nach Uruguay gestellt habe. Diese Ausreise sei jedoch nicht zustande gekommen. Die Philippsohns sowie eine Familie Rosenthal aus Basbeck seien dann vermutlich 1942 angeblich zum Arbeitseinsatz in die Gegend von Minsk verbracht worden. Die Abtransport sei als  „Evakuierung“ bezeichnet worden und erfolgte durch die Gestapo. „Weitere Juden wohnten und wohnen seit 1933 meines Wissens nicht im Landkreis (Hadeln)“. 

Erst später habe er erfahren, dass in Otterndorf „noch eine Jüdin mit dem Kirchendiener der evangelisch-lutherischen Gemeinde Kähler verheiratet ist“. Nach dem Krieg sei bekannt geworden, dass die Familien Philippsohn und Rosenthal offenbar umgebracht worden sind.

 

Weiterhin heißt es in der Eidesstattlichen Erklärung, dass es im Landkreis offenbar nicht bekannt gewesen sei, dass die so genannten „Evakuierungen“ in Wirklichkeit Vernichtungstransporte waren. Im Landkreis Hadeln habe es überdies seitens der Partei (Kreisleitung oder Ortsgruppenleitung) keine Judenverfolgungen gegeben.

- Er selbst und auch seine Frau seien in der „Nazizeit, abgesehen von einem Fall, in dem ich in Geversdorf von einer Privatperson beleidigt worden bin, nicht behelligt worden“.

7.
Über die Zeit nach 1945 konnten wir aus zusätzlichen Dokumenten, die Herr Lunden uns zukommen ließ, erfahren, dass Herr Samuel unmittelbar nach dem Krieg im Gemeinderat Cadenberge aktiv war. Auch in späteren Jahren nahm er am Gemeindeleben teil; so wurde er unter anderem 1961 zum Schützenkönig des Schützenvereins Cadenberge ausgerufen. (Diese Ehrung wurde ihm auch schon im schon einmal im Jahr 1925 zuteil).

8.
Das Fazit der Informationen über das Leben von Arthur Samuel in der Nazizeit in Cadenberge stellt sich für uns wie folgt dar:

- Überraschend ist, dass die Annahme, es hätte einen Zwangsverkauf des Hauses und möglicherweise Pläne für eine Ausreise/Flucht vor eventuellen Repressalien durch das Nazi-Regime, sich nicht bestätigt hat.

- Herrn Samuels Einschätzung, dass ihn vermutlich der Umstand der „Mischehe“ „gerettet“ hat, ist von hoher Wahrscheinlichkeit.

- Zugleich wird sein Schicksal auch durch sein persönliches Verhalten (verdeckter Judenstern, vermiedenes öffentliches Auftreten) begünstigt worden sein.

- Ein weiterer Faktor könnte gewesen sein, dass es offenbar im direkten Umfeld und in der Gemeinde keine aggressive Stimmung bzw. keine offene antisemitische Agitation, geschweige denn Aktionen, gegeben hat. Dies müsste jedoch angesichts der Gesamtlage in Deutschland eher als Glücksfall bezeichnet werden. 

Es darf zum Beispiel nicht vergessen werden, dass keine 20 Kilometer von Cadenberge entfernt in Lamstedt, der Lehrer, Heimatkundler und Nationalsozialist Willi Klenck Rassenforschung für den NSDAP-Gau Ost-Hannover (Lüneburg) betrieb, „insbesondere im Hinblick auf Ausmerzung fremden und kranken Blutes“. Klenck fertigte über viele Personen genealogische Karteikarten an und kennzeichnete darauf Menschen als „Jude“ und gab die Information nach „oben“ weiter. Seine Erforschung der Ahnenreihe, wie auch die der Familie Rosenthal aus Basbeck, lieferte Menschen ihren Mördern aus“. (Hans-Jürgen Kahle, „Unterm Hakenkreuz“, Wilhelm-Heidsiek-Verlag).  

- Es ist gut möglich, dass es in der Gemeinde Cadenberge Mitmenschen gab, die Herrn Samuel und seiner Ehefrau geholfen haben, die schwierigen Jahre zu überstehen. Dabei ist zu bedenken, dass die Eheleute zum Zeitpunkt der Machtübernahme der Nazis schon seit langen Jahren in dem Ort gelebt haben. Außerdem war Herr Samuel durch seine Tätigkeit als Viehhändler vermutlich weit bekannt.

9.
Gerade im Zusammenhang mit den in der jüngsten Zeit bekannt gewordenen antisemitischen und rechtsextremistischen Vorfälle wie in Halle und in anderen Städten hat uns die Beschäftigung mit dem konkreten Schicksal unseres früheren Nachbarn erneut deutlich gemacht, wie wichtig es ist, sich immer wieder mit der deutschen Geschichte insbesondere auch in der Nazizeit, mit dem Holocaust und generell mit allen Formen der Ausgrenzung, des Rassismus und des Völkerhasses auseinanderzusetzen und dagegen anzugehen.

Was die geschichtlichen Ereignisse in unserem Heimatort betrifft, ist für uns einmal mehr deutlich geworden, wie bedauerlich es ist, dass man oftmals nicht früh genug mit den Zeitzeugen der Vergangenheit ins Gespräch gekommen ist. Rechtzeitig befragt hätten sowohl unsere Eltern, als auch die Erwachsenen in der Nachbarschaft, die LehrerInnen, Geschäftsleute, Politiker und andere Cadenberger EinwohnerInnen sicher interessante Geschichten aus dieser Zeit erzählen können; nicht zuletzt natürlich Herr Samuel selbst.

Bezeichnend ist allerdings auch, dass es in unserer Jugend bei vielen Erwachsenen keine erkennbare Bereitschaft gab, eben genau die Ereignisse und Umstände des Lebens in der Zeit der Nazi-Diktatur von sich aus zu schildern und gemeinsam über die Lehren daraus nachzudenken.   

Unserer besonderer Dank gilt dem Ortsheimatpfleger der Gemeinde Cadenberge, Herrn Günter Lunden, für seine Auskunftsbereitschaft und seine Unterstützung.

Fotos: Arthur Samuel als Schützenkönig in Cadenberge 1961, der Grabstein der Eheleute Samuel auf dem Friedhof in Cadenberge 2020, das Tor zum jüdischen Friedhof in der Wingst.

Oste-Maler Stock zeigt seine Bilder

21. 7. 2020. Eine virtuelle Galerie zeigt in Corona-Zeiten Werke des farbgewaltigen Malers, Verlegers und Oste-Preisträgers Wolf-Dietmar Stock, 78, aus Fischerhude - siehe Pressebericht +++  Mehr zum Thema: Jochen Bölsche über den Maler und Verleger Stock +++ 

Link zur virtuellen Stock-Ausstellung 

Zeven: Fynn aus Silicon Osteland

11. 7. 2020. In seinem morgen erscheinenden neuen Heft porträtiert der SPIEGEL das Multitalent Fynn Kliemann aus Rüspel („Silicon Rüspel“) bei Zeven im Osteland: Sein „Klie­manns­land“ genannter Ex-Bauernhof (Foto: Bölsche) zwischen Zeven und Sittensen sei „zu ei­nem Sehn­suchts­ort ge­wor­den“: „Für die, die hier le­ben. Für die, die auf YouTube da­bei zu­se­hen.“

Im Oste-Lager Sandbostel litten 70.000 Russen

20. 6. 2020. Am Montag, 22. Juni, 17 Uhr, beginnt auf dem Lagerfriedhof Sandbostel eine Gedenkveranstaltung anläßlich des 79. Jahrestags des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. 

 

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann ein neuartiger Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg.

 

Von den mehr als 3 Millionen 1941 in Gefangenschaft geratenen sowjetischen Soldaten starben bis Frühjahr 1942 etwa zwei Drittel. Bis zum Kriegsende sollten es insgesamt zwischen 4,5 bis 6 Millionen Gefangene werden.

 

Die systematische Missachtung des Kriegsvölkerrechts und der Massenmord an den sowjetischen Kriegsgefangenen gelten heute als eines der größten Kriegsverbrechen in der Geschichte.

 

Das Kriegsgefangenenlager Sandbostel durchliefen insgesamt etwa 70.000 sowjetische Soldaten. Sie waren unter katastrophalen Bedingungen untergebracht, und den Kriegsgefangenen wurde jegliche Unterstützung oder Hilfe vorenthalten.

 

Die Verstorbenen wurden anonym in Massengräbern auf dem Lagerfriedhof verscharrt. Bis heute ist die Zahl der in Sandbostel ermordeten oder an Krankheiten und Mangelversorgung gestorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen nicht bekannt.

 

Programm:

 

- Begrüßung/Grußwort: Andreas Ehresmann, Gedenkstättenleiter; Günther Justen-Stahl, Stiftungsvorsitzender

- Historische Einordnung: Ronald Sperling, Wissenschaftlicher Dokumentar und stellv. Gedenkstättenleiter

- Rede: Generalkonsul Andrej Sharashkin, Generalkonsulat der Russischen Föderation, Hamburg

- Kranzniederlegung, Musikalische Begleitung: Christian Suter (Gitarre)

 

Die Gedenkveranstaltung findet unter Einhaltung der gültigen Sicherheits- und Abstandsvorschriften statt. Die Teilnahme ist begrenzt. Ein Videomitschnitt wird in der virtuellen Gedenkstätte veröffentlicht.

Vergessener Stein am Rande des Ostelandes

11. 6. 2020. Nur ein Findling am Rande des Ostelandes, auf einem Privatgrundstück in Volkmarst (Gemeinde Basdahl), erinnert an eine Tragödie, die vor gut 75 Jahren stattfand:

 

Im April 1945 zog ein Todesmarsch von KZ-Häftlingen durch das kleine Dorf Volkmarst im Landkreis Rotenburg. Johann Dücker war neun Jahre alt, als er zusehen musste, wie zwei der Häftlinge bei einem Fluchtversuch von Wachmännern erschossen und später auf einem Acker verscharrt wurden. Die Toten wurden nie gefunden.

 

Im Jahr 2006 ließ Johann Dücker einen Gedenkstein auf seinem Grundstück aufstellen. Es ist bis heute das einzige Denkmal auf dem Weg des Todesmarsches aus dem KZ am Marinebunker in Bremen-Farge (Fotos unten: Bölsche) nach Bremervörde und weiter nach Norden.

 

In dem Online-Zeitzeugengespräch am 13. Juni, 16 Uhr, wird Johann Dücker von den Erlebnissen im April 1945 und seinem persönlichen Umgang damit berichten. Das Gespräch wird live auf dem YouTube-Kanal der Gedenkstätte Sandbostel übertragen; über die Kommentarfunktion können Fragen gestellt werden.

 

Eine Anmeldung zu der Veranstaltung ist nicht notwendig. Um Kommentare zu schreiben, ist jedoch die Registrierung mit einem YouTube- bzw. Google-Account erforderlich. Für alle, die das Gespräch nicht live verfolgen können, wird im Anschluss ein Mitschnitt veröffentlicht.

 

Über den in Bremen-Farge zwecks Vertuschung der SS-Verbrechen gestarteten Marsch in Richtung Ostsee heisst es auf Wikipedia: Der Todesmarsch begann am 9. April 1945 mit 2.500 bis 3.000 Häftlingen in Farge; Ziel war zunächst das Stammlager Neuengamme. Alleine in Brillit / Kreis Rotenburg wurden über 300 Tote begraben.

 

Von Neuengamme aus marschierten rund 10.000 Häftlinge an die Lübecker Bucht, wo die Überlebenden auf die Cap Arcona, Thielbek und Athen verladen wurden. Die Schiffe wurden versehentlich durch britische Bomber beschossen. 6.400 der Häftlinge kamen ums Leben.

Neuhaus: Flohmarkt mit 4000 Büchern

5. 6. 2020. Eine großartige Initiative, ehrenamtlich und gemeinnützig, ist an der Ostemündung entstanden: Im Haus Amtshof 3 in Neuhaus hat jeder Gelegenheit, auf einem Bücherflohmarkt zwischen rund 4000 gespendeten antiquarischen Bänden, darunter allein über 400 Krimis, zu wählen (Foto: Bölsche). An diesem Sonnabend, 6. Juni, von 10 bis 14 Uhr findet im Amtshof der nächste Bücherverkauf für soziale Zwecke statt - natürlich unter Einhaltung der aktuellen hygienischen Vorschriften. Der Verkaufserlös (schon ab 50 Cent pro Buch) kommt gemeinnützigen Projekten im Osteland zugute.

Vandalismus: Polizei erbittet Hinweise

5. 6. 2020. Die liebevoll gestaltete museale Ostener Fährstuv zerstört, der schöne Hemmoorer Vogelbeobachtungsturm mit Nazi-Sprayparolen beschmiert und mit Farbe besudelt (wir berichteten) - der Ärger über Vandalismus in der Samtgemeinde wächst (Archivfoto: Bölsche). Während der Fährstuv-Täter ermittelt ist, wird nach den Verursachern der Schäden im und am Aussichtsturm gefahndet. Hinweise erbitten die Stadt Hemmoor unter Telefon (0 47 71) 60 20 oder die Polizei Hemmoor unter Telefon (0 47 71) 60 70.

Black Lives im Nazi-Lager an der Oste

Eine Gruppe kriegsgefangener Kolonialsoldaten, die für eine offizielle Wehrmachtsaufnahme in Szene gesetzt wurden (nicht datiert. Fotoarchiv Gedenkstätte Lager Sandbostel)

5. 6. 2020. Eigentlich sollte die Gedenkstätte Lager Sandbostel im Osteland schon am 8. Mai 2020 die Sonderausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" eröffnen. Aufgrund der Corona-Pandemie musste die Stiftung die Eröffnung zunächst absagen. Die Ausstellung soll nun am Mittwoch, 1. Juli, eröffnet werden.

 

Zuvor bietet die Gedenkstätte einen Online-Vortrag zum Thema von Dr. Susann Lewerenz an (Link): Über das Schicksal Schwarzer Menschen unter nationalsozialistischer Herrschaft ist bis heute nur wenig bekannt. Der Vortrag wirft Schlaglichter auf die Diskriminierung und Verfolgung, aber auch auf Selbstbehauptung und Widerstand Schwarzer Menschen im Nationalsozialismus.

 

Ein Schwerpunkt liegt auf der Behandlung französischer und britischer Kolonialsoldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft. Des Weiteren werden exemplarische Verfolgungsschicksale Schwarzer Menschen in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern skizziert – darunter das des Widerstandskämpfers Anton de Kom aus der damals niederländischen Kolonie Surinam, der im April 1945 im Lager Sandbostel ums Leben kam.

Ein Sanitätssoldat des Stalag X B Sandbostel präsentiert sich an der Seite von kriegsgefangenen Kolonialsoldaten (nicht datiert. Fotoarchiv Sandbostel)

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